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Der schmale Grat zwischen Freude und Kampf

Die oftmals nervenaufreibende Anfahrt zum Tagesziel ist definitiv nicht das Reizvolle an einer Passstrasse. Abwechslungsweise kreuzen einen übermotivierte Motorradfahrer und greise SUV-Fahrer, die ihrem Panzer zeigen wollen, dass er mehr kann, als Start-Stopp im Morgenverkehr.


Freude macht sich erst breit, wenn man unbeschadet – abgesehen vom einen oder anderen Hupkonzert der vielen Hobbypolizisten – durch das lange Tal geradelt ist. Denn jetzt zeigen am Horizont die ersten Steigungsprozente den Weg in Richtung Bergpreis an. Aus «52-18» wird schon bald «34-28» werden und die Glückshormone beginnen sich mit einer leichten Flaute aus der Magengegend zu duellieren. Gedankenspiele fangen an im Kreis zu rennen. Und dennoch, unverhofft rasch ist sie da, die erste Haarnadelkurve. Der Anfangswiederstand ist überwunden und das Magengefühl weicht einem gewissen Stolz. «Yes! Der Tag wird gut werden. Die Bucketlist ist heute Abend um einen Eintrag kürzer.»



Je weiter wir uns vom Meeresspiegel entfernen, desto monotoner wird der Tritt. Die verspürte Zufriedenheit geht im lauter werdenden pfeifen der Lungenflügel langsam unter und wird von einem gelegentlichen «Warum?» abgelöst. Die Gedanken verschmelzen mit der Umwelt und der Schweiss tropft in einer metronomischen Regelmässigkeit aufs Oberrohr. Während das saftige Sommergrün des Tales, in unspektakuläres Frühlingsbeige übergeht, werden die Kuhglocken vom Rufen der Murmeltiere übertönt. Die Zweifel am eigenen Tun werden lauter und die Wasserflasche leert sich Schluck um Schluck. Doch die nächste Kehre bietet den brennenden Oberschenkeln eine willkommene Pause. Ein kurzer Rückblick zum Talboden lässt die negativen Gefühle augenblicklich vergessen.

Die Unterarme glänzen in der warmen Sonne und die Brille ist schon längst in den Helm gesteckt. «Werden die Kurven von unten oder von der Passhöhe her gezählt? Was ergibt eigentlich 34 mal 28? Geht das noch lange so weiter?», schiesst es, wie Gewehr-Salven durch den Kopf. Wahrend sich die nächste Rampe unerbittlich vor einem auftürmt, meldet das Höhenprofil auf dem Bordcomputer kurzerhand ein nahendes Flachstück. Dieser fiese Trick der Natur lädt nicht nur zum erholen ein. Mit einem trockenen Angriff könnten jetzt, in weltmeisterlicher Manier, die Begleiter abgeschüttelt werden. Die ausgeschütteten Endorphine wecken vordergründig neue Energiereserven. Die Leichtigkeit des Seins verleitet zu hoch zu fliegen um dann Gefahr zu laufen, im letzten Anstieg vor der Passhöhe, spektakulär abzustürzen. Einzugehen, gegen die Wand zu fahren, «to bonk» wie der Engländer zu sagen pflegt. Aber genau auf diesem dünnen Grat, zwischen Euphorie und Selbstzweifel, liegt doch die Magie des Alpenpasses.


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