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Klischees auf der Yogamatte

Aktualisiert: 18. Juni 2018

Die Uhr zeigt unchristliche 05:48 an, als ich aus einem Traum hochschrecke und eine gefühlte Ewigkeit das Empfinden vom «meine erste Yoga-Stunde verschlafen haben» in mir spüre. «Du hast noch Zeit bis um sieben Uhr!», ist meine letzte Erinnerung bevor mich der Wecker eine gute Stunde später unsanft weckt. Hastig erhebe ich mich – das Kissen noch als Negativ im Gesicht abgezeichnet – und packe meine Sporttasche für die «Yoga-Jungfernfahrt». Leise Vorfreude mischt meine Müdigkeit auf.

Grundsatzfragen

Im Center bin ich zu früh und lasse mir Zeit beim Umkleiden. Spind reiht sich an Spind und schmale Holzlatten bilden eine Bank für Schweisstuch und Getränke. Turnschuhe oder Flipflops haben die Reise ins Ungewisse leider nicht angetreten. «Pack doch dein Zeug jeweils am Vorabend!», tadle ich mich. Der Yogaraum: Auf der selben Etage wie die Kraftgeräte und auf drei Seiten verspiegelt. Noch ist niemand da. Ich warte vor der Türe, denn ich bin ja Gast. Sicherlich gibt es Regeln und Stammplätze, und ich will meinen gestählten Couch-Body keiner Kontorsionistin in die Aussicht stellen! «Wer hat mitten im Vormittag Zeit seinen Geist auf Feld eins zu fahren? Hausfrauen? Arbeitslose? Gelangweilte Managerfrauen aus Suburbia?»

Die Stunde der Wahrheit

Zwanzig Yoginis finden sich ein, darunter drei Männer. Einer mit grauem Funktionsshirt und blauer Radlerhosen. Er sieht aus wie ein typischer Walter aus dem «Muotathal» und zeigt in seinem Outfit mehr von seiner Persönlichkeit als notwendig wäre. «Wie soll ich mich da konzentrieren?» Schweizerisch pünktlich, betritt Kursleiterin Gabriela um zehn Uhr den Raum. Sie startet die Musik. Mit einem trockenen «Guete Morge, mir fanged aa!», beginnt sie. «So fängt also eine Yoga-Stunde im Fitnesscenter an?» wundere ich mich, aber ich bin ja nicht für ein Vorstellungsgespräch hier.


Walter die Eiche

In der Mitte hat sich eine junge Dame mit gemusterten Leggins, im Nordlichterdesign und Pompons am Schal, platziert. Direkt vor mir nähert sich eine bewegliche Mittfünfzigerin ihrer Betriebstemperatur. Sie hat ihre gestrickten Handgelenkswärmer inzwischen neben der Matte deponiert und verbreitet im näheren Umfeld eine leicht säuerliche Duftmarke. Vorne rechts liegt eine Bewegungslegasthenikern mit asiatischem Aussehen wie ein Käfer auf dem Rücken als Gabriela eine neue Position zeigt. – Ich verspüre ein deutliches Ziehen in der Wade.

Eine kleine Korrektur hier, ein aufmunterndes Wort da. Gabriela schreitet durch die verdrehten Körper, während sich Walter sich langsam aber sicher zum Helden des Tages mausert. «Er ist bestimmt vor Jahren wegen seinem Job bei der Post nach Zürich gekommen und wohnt am Wochenende jeweils bei seiner Mutter.» Beweglich wie eine 300-jährige Korkeiche, hat er im äusseren Drittel des Raumes seine Matte ausgerollt. – Mein Kopf scheint nach wie vor die Oberhand zu haben.

Zweite Chance verdient

Zwischen Krieger zwei, Kobra, Hund und der Ausdünstung meiner Nachbarin, fährt mein Umwelt-Radar unbemerkt in den Ruhezustand. Mir werden meine Energieströme bewusst. «Eigentlich ist das ein ganz befriedigendes Gefühl», sinniert es beim bewussten Ausatmen. «Sportkleidung geht also trotz «Power» im Yoga nicht immer mit erhöhtem Puls und ebensolcher Körpertemperatur einher. Und die Vorurteile von wegen Räucherstäbchen kommen ebenfalls nicht zum Einsatz!», muss ich mein Bild korrigieren.

Als ich die Augen öffne bin ich aber schlagartig wieder im hier und jetzt. Neben mir haben sich zwei Damen tatsächlich mit einem Tuch zugedeckt um in der Embriostellung auf der Matte zu liegen. «Also doch ein Hokus Pokus!» – «Aber, wenn es den beiden gut tut?!»

Zufrieden rolle ich meine Matte zusammen und schwebe zentriert zur Türe hinaus.

Namaste!


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